Bedeutungswandel - Bedeutungsvariation

AG an der 21. DGfS 1999 in Konstanz

24. - 26. Februar 1999

[English version]

   
 
Regine Eckardt  & Klaus von Heusinger, Universität Konstanz, FB Sprachwissenschaft/SFB 471,  D-78457 Konstanz, tel.: 07531-88-2510 (R.E.) bzw. 07531-88-3028 (K.v.H.),
E-Mail: regine.eckardt@uni-konstanz.de, klaus.heusinger@uni-konstanz.de

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Beschreibung der AG

In der traditionellen Sprachwissenschaft war die Erforschung des Bedeutungswandels integraler Teil der Semantik, und diese Forschungsrichtung blieb auch im Strukturalismus, etwa innerhalb der Wortfeldtheorie, ein lebendiger Teil der Linguistik. Die moderne Semantik dagegen, die direkt oder indirekt auf die Arbeiten von R. Montague aufbaut, widmet sich primär der Untersuchung der invarianten Bedeutungsbestandteile. Daraus ergibt sich bislang ein rein statisches Bild der Bedeutung, was aus mindestens zwei Gründen unbefriedigend ist. Zum einen ist der Sprachwandel ein Teil des Sprachgeschehens, der aufgrund der kollektiven Kompetenz der Sprechergemeinschaft reibungslos und ohne ausdrückliche Bedeutungs-Neufestlegungen funktioniert; seine Beschreibung muß also Teil jeder adäquaten Beschreibung der Sprache und ihrer Bedeutung sein. Zum anderen aber verwenden Sprecher die Wörter ihrer Sprache auch synchron in einer reichen Vielfalt von Bedeutungsvarianten. Eine statische Sicht der Sprache wird - wie sich auch in computerlinguistischen Anwendungen zeigt - dieser kreativen Vielfalt nur ungenügend gerecht. Synchrone Bedeutungsvariation und diachroner Bedeutungswandel sind, wie schon Michel Bréal (Essai de sémantique, 1921) bemerkt, jedoch nur zwei Seiten einer Medaille.
 Ansätze, dieser Bedeutungsvielfalt adäquater gerecht zu werden, gibt es in der modernen Linguistik aus verschiedener Richtung. Neuere Arbeiten zur metonymischen Verschiebung (Bierwisch, Dölling) und zur Ableitung von Polysemen (Pustejovski) haben eindrucksvoll gezeigt, daß eine linguistische Beschreibung, die der Flexibilität lexikalischer Einträge gerecht wird, einer rein statischen Darstellung überlegen ist. In der kognitiven Linguistik wurde die Bedeutungsvariation lexikalischer Einheiten im Rahmen der Prototypentheorie (Rosch, Taylor) untersucht. Hier wurde bereits argumentiert, daß die so erfaßte synchrone lexikalische Struktur auch für den historischen Sprachwandel Erklärungsansätze liefert (Geeraerts). In unseren eigenen Untersuchungen zur formalen Beschreibung von Sprachwandel stützen wir uns auf Putnams klassische Arbeit "The Meaning of 'Meaning'", in der Modelle sprachlichen Wissens vorgeschlagen werden, die neben der tatsächlichen Sprache auch diejenigen Varianten vorsehen, die sich statt dieser tatsächlichen Sprache unter anderen möglichen Umständen entwickelt haben könnten; diese Arbeiten bieten einen natürlichen Ansatzpunkt für die formale Integration der diachronen Dimension von Bedeutung.
Die AG hat das Ziel, SprachwissenschaftlerInnen aus der historischen Sprachwissenschaft, der formalen Semantik, der kognitiven Semantik und der analytischen Philosophie dazu einzuladen, ihre fachspezifische Perspektive auf die Erfassung von Bedeutungswandel und Bedeutungsvariation darzustellen und sich durch den Blick der anderen Disziplinen herausfordern zu lassen.

Bierwisch, M. (1983): Semantische und konzeptuelle Interpretation lexikalischer Einheiten. In: R. Ruzicka & W. Motsch (eds.): Untersuchungen  zur Semantik . Berlin: Akademie Verlag, 61-99.
Geeraerts, D. (1997): Diachronic Prototype Semantics. Oxford: Oxford University Press.
Putnam, H. (1975): The Meaning of 'Meaning'. In: Mind, Language, and Reality: Philosophical Papers. Bd. 2. Cambridge: Cambridge University Press.

Eingeladenen Gäste

    Nicholas Asher (Austin, USA)
    Johannes Dölling (Leipzig, Germany)
    Peter Gaerdenfors (Lund, Sweden)
    Dirk Geeraerts (Leuven, Belgien)
    Ulrike Haas-Spohn (Konstanz, Germany)
    Ekkehart König (Berlin, Germany)
    Brigitte Nerlich (Nottingham, UK)